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Readers Editions und Leser-ReporterDokumenteninfo
DokumenteninfoInhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Selbst ist der Leser
II. Was ist „Readers Edition“
III. Was sind die Regeln rund um Readers EditionInspiriert wurde die Readers Edition durch OhmyNews, Global Voices, Wikinews, www.current_tv, Flickr, Slashdot und Digg.com, die hauptsächlich durch Nutzer mit Inhalten gefüllt werden. Bei der Readers Edition soll es dabei anders als bei ähnlichen deutschsprachigen Projekten wie Jetzt (Süddeutsche Zeitung), Shortnews (Stern), NEON (ebenfalls Stern) und Opinio (Rheinische Post) um ausführliche Artikel gehen, nicht nur um Textschnipsel und kurz beschriebene Verlinkungen. Als "offene Zeitung" will die Readers Edition Bürger zu Online-Redakteuren machen, die über beliebige Themen - auch bebildert - berichten können. Neben Netzeitungs-Mitarbeitern werden sich auch ehrenamtliche Moderatoren aus der Leserschaft darum kümmern, die eingereichten Texte zu überprüfen und online zu veröffentlichen. Texte werden nur veröffentlicht, wenn die Fakten stimmen und niemand beleidigt oder zu Unrecht beschuldigt wird. Über die Einhaltung der Kriterien entscheiden die Moderatoren und in letzter Instanz die Netzeitung. Alle Berichte müssen journalistischen Grundsätzen des Pressekodex folgen: Die Fakten müssen stimmen, unbestätigte Gerüchte oder Vermutungen werden nicht veröffentlicht. Zudem darf sich durch Berichte niemand beleidigt oder zu Unrecht beschuldigt fühlen. Über die Einhaltung der Kriterien entscheiden die Moderatoren und in letzter Instanz die Netzeitung. IV. Bürgerjournalismus: von Leser Reporter und VolkspresseausweisenJeden Tag zwischen 11 und 16 Uhr wächst die Redaktion des Wisconsin State Journal um ein paar Tausend Mitarbeiter an. Dann können die Leser auf der Homepage der Tageszeitung über die Titelgeschichte der nächsten Ausgabe mitentscheiden. Was bei uns als Experiment startete, ist im Norden der USA zum täglichen Ritual geworden. Zeitungsmacher entdecken ihre Leser als Mitmacher. Die Bild geht sogar einen Schritt weiter und nennt sie offiziel Leser-Reporter. Mittlerweile kennt man dieses Phänomen unter dem Begriff "Bürgerjournalismus". Die Gründe der Medienanstalten sind profan: Weltweit machen elektronische Medien und Leserschwund den Zeitungen zu schaffen - nun versucht die Presse über die elektronischen Medien zurückzuschlagen: Appelle an Leser, sich per E-Mail, Internet oder SMS in den Redaktionsbetrieb einzuschalten, sind ja auch der Versuch, Kunden zu gewinnen oder zu halten. Und nebenbei ist jede neue Website auch eine mögliche neue Werbefläche. Unter den großen Verlagschefs hat zuerst Bernd Kundrun von Gruner + Jahr den neuen Trend zum Programm gemacht. Die Journalisten seines Haues sollen sich umstellen und den Leser stärker in Recherchen und Geschichten einbeziehen - zum Beispiel könnten Capital-Leser die besten Steuerberater ermitteln. Zu den Leser Reporter-Pionieren gehört auch Norwegen: In Oslo lässt die Boulevardzeitung Verdens Gang seit zweieinhalb Jahren ihre Leser Nachrichten schicken. Im Schnitt treffen jeden Monat 5000 ein, ein Dutzend Titelgeschichten entstehen so. Der Erfolg machte viele neugierig, zum Beispiel Peter Stefan Herbst, den Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung. Seit Jahresbeginn können sich Leser an der Saar als rasende Reporter und Fotografen versuchen. Kaum ein Großbrand oder Verkehrsunfall bleibt seither ungemeldet. 1998 Hinweise gab es bisher, 493 verwertbare, so Herbst: "Wir kriegen Anregungen aus Orten, in denen wir keine eigene Redaktion haben", so der Chefredakteur: "Das macht uns schneller, aktueller, umfassender - gerade im Wettbewerb mit anderen Medien." Aber da ist dann immer noch die Frage des Geldes. Bei der Saarbrücker Zeitung gibt`s kein Honorar. Man will die Leser nicht animieren, sich in Gefahr zu begeben, sagt Chefredakteur Herbst. In Norwegen, wo Verdens Gang zwischen 20 (kleiner Hinweis) und 2400 Euro (exklusive Nachricht) zahlt, beklagten sich bereits die Rettungsdienste über Leser, die ihnen im Weg stünden.Tja und die Bild: Die hat eine ganz eigene Richtung geschaffen. Sie interessiert sich nicht sonderlich für die Schriftmeister unter ihren Lesern sondern mehr für deren Digitalcameras und Fotohandys. Der Springer-Verlag hatte im August diesen Jahres nicht nur die BILD-Zeitung an deutsche Kioske verschickt sondern auch Postkarten, aus denen sich jedermann den „BILD-Presseausweis“ in Scheckkarten-Größe raustrennen kann. BILD buhlt um ihre neuen Bürgerjournalisten oder wie sie sie nannten: „Leser-Reporter“, die Prominente oder vermeintlich historische Momente mit ihrem Handy fotografieren sollen. Richtig unzufrieden wurden da nicht nur Rettungsdienste und Polizei, sondern auch Fotografen, die für "Bild" als feste Freie arbeiten. Für Fotos, die in einer Regionalausgabe gedruckt werden, zahlt "Bild" ab 57 Euro. Der Leser-Reporter bekommen 100 Euro. Für ein bundesweit veröffentlichtes Foto zahlt die Zeitung den Fotografen oft weniger als 150 Euro. Der Leser-Reporter kriegen 500.
V. Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Meinungsfreiheit“Im Moment findet eine Umdefinierung statt“, sagte
Christoph Schultheis, Mitglied des Bildbloggs. „Früher war das ganz klar: Der Paparazzo ist der Böse. Heute ist es der Leser-Reporter, der Dieter Bohlen beim Duschen fotografiert. Und der Leser, der ist der Gute. Das Foto ist allerdings das gleiche.“ Rudolf Bögel, Chefredakteur der "tz" gibt zu: "Da kommt kein Watergate, das uns vom Leser verraten wird."und auch für "augenzeuge.de" hängt stern.de-Chef Frank Thomsen den Anspruch niedrig. "Uns geht es um ein Zusatzangebot des ,Stern' als Bildmedium und nicht um das große Geschäft." Täglich gingen 120 bis 150 Bilder ein. Das Leserfoto von einer Gasexplosion in einer fränkischen Bäckerei wurde als eines der "Bilder der Woche" auch im Muttermagazin gedruckt. Einige hundert Bilder wurden in die Profi-Bilddatenbank Apis gestellt, weiterverkauft wurde noch keins. Tja und wer schießt in Zukunft die Presse-Fotos? Dennoch glauben Mediensoziologen fest an einen Sieg des Bürger-Journalismus. Es gibt Millionen solcher Amateure. Vor allem der Tsunami Weihnachten 2004 sei auch für die Medien ein Tsunami gewesen. Diese Amateurfotos haben authentisch gewirkt, der Leser hätte sich besser mit ihnen identifizieren können. Viele Leute glauben den offiziellen Informationen nicht mehr. Sie hegen den Verdacht, dass sie manipuliert sein könnten, wenn sie die Medienpyramide durchlaufen. Deshalb scheint es so als hätten Amateurbeiträge für viele einen höheren Wahrheitsgehalt.
VI. Ein Schritt in die Falsche Richtung?Doch ist all das vielleicht der falsche "nächste" Schritt der Journalistischen Evolution? Ein Beispiel aus dem Spiegel vom 04.12.06 (siehe Quellen) zur Verdeutlichung: Es war eine dieser üblichen Oktoberfest-Reportagen auf Vox. Ein Team von „Stern TV“ begleitet Polizisten bei der Arbeit: mit aggressiven Besoffenen, lustigen Besoffenen, halbkomatösen Besoffenen. Plötzlich – ein paar Beamte versuchen gerade, eine Schnapsleiche im Gras aufzuwecken – kommt Aufregung in die Gruppe. Ein Tourist, der ein paar Meter weiter steht, will die Szene mit seinem Kamerahandy festhalten. Ein Polizist brüllt ihn an: „Hey, so lustig ist das hier nicht, daß du das fotografieren mußt!“ Mit ein paar Kollegen geht er rüber und stellt den Mann nachdrücklich zur Rede. Und das Fernsehteam hört kurz auf, Bilder von den Polizisten und der Schnapsleiche zu machen, und macht stattdessen Bilder von dem Mann, der es doch tatsächlich gewagt hat, Bilder von den Polizisten und der Schnapsleiche zu machen. Der Mann war zu eingeschüchtert, um mit den Polizisten zu streiten. Aber die Diskussion wäre interessant gewesen, in der die Beamten ihm erklären, warum es akzeptabel ist, wenn ein Kamerateam die Szene filmt, um sie als Füllstoff zwischen zwei Werbeblöcken einem Millionenpublikum vorzuführen, aber inakzeptabel, wenn einer sie als hübsche Urlaubserinnerung für sich aufnimmt. Aber vielleicht hätte er das Filmchen ja nicht nur ein paar Freunden gezeigt, sondern ins Internet gestellt. Oder es an „Bild“, den „Stern“ oder sonstwen verkauft und versucht, damit ein paar Euro zu verdienen. Hätte das die Sache schlimmer gemacht? Besser? Daß heute jeder, der mit einem modernen Mobiltelefon aus dem Haus geht, Aufnahmen wie die Profis machen kann, heißt anscheinend noch lange nicht, daß er es auch darf. Der Grenzverlauf zwischen guten Fotografen und bösen Fotografen, erwünschten und unerwünschten Fotos wird gerade neu verhandelt. Und einige Leute, die jahrelang die Schmuddelkinder der Branche waren, finden sich im anderen Lager wieder: Als das NDR-Medienmagazin „Zapp“ jetzt über das Problem der zunehmenden Zahl von „Leser-Reportern“ berichtete, diente als Kronzeuge auch ein Mann, der seit Jahren davon lebt, den Polizeifunk abzuhören, schnell zu den Unfallstellen zu fahren und vor Ort zu drehen, bevor die Feuer gelöscht und die Verletzten weggetragen sind, damit sich die Aufnahmen gut an die Medien verkaufen lassen. Er beklagte sich unter anderem, daß die Hilfskräfte inzwischen häufig selbst die Aufnahmen machen. Und, ja: Der Gedanke, daß der Sanitäter, der da neben einem steht, nicht hilft, sondern fotografiert, ist beunruhigend und abstoßend. Aber müssen wir wirklich Mitleid haben mit dem Berufsstand der Katastrophenfotografen, wenn die darunter leiden, daß bald immer schon ein Amateur vor ihnen an der Unfallstelle sein wird? Müssen wir die Leser-Reporter-Schwemme etwa auch deshalb verurteilen, weil sie zweitklassigen Berufs-Paparazzi das Geschäft kaputt machen, die gegen die schiere Allgegenwart von Millionen potentiellen Amateur-Paparazzi nicht ankommen? Keine Frage: Viele der Sorgen um Anstand und Sorgfalt, um Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte, die sich mit dem Phänomen der Leser-Reporter verbinden, sind berechtigt. Schaulustige und Gaffer können aus ihrem Verhalten nun auch noch Kapital schlagen und sich im Ruhm einer Zeitungsveröffentlichung ihres geilen Unfall-Fotos freuen. Unsere Medienwelt wird noch fixierter auf Bilder und es kümmert sie noch weniger, wie echt sie sind, was sie wirklich zeigen und wie sie entstanden sind. Das Phänomen der Leser-Reporter geht an das Fundament des journalistischen Selbstverständnisses. In Deutschland darf sich jeder, der will, „Journalist“ nennen. Das ergibt sich aus Artikel 5 des Grundgesetzes, der die freie Meinungsäußerung garantiert. Bislang war das praktisch ohne große Bedeutung. Daß sich Hinz und Kunz „Journalist“ nennen konnten, war egal, solange sie kein Massenmedium als Plattform hatten. Jetzt aber kann jeder mit einfachsten Mitteln im Internet publizieren und ein theoretisch unbegrenztes Publikum haben, und aus der akademischen Frage wird plötzlich eine ganz konkrete. Und die Journalisten versuchen, klare Mauern zu errichten zwischen sich, den „richtigen Journalisten“, und den Bürgern, Leser-Reportern, Bloggern. Das ist keine leichte Sache. Die „Initiative Qualität im Journalismus“, hinter der unter anderem Verleger- und Journalistenverbände stehen , hat eine Erklärung herausgegeben [pdf] , in der sie vor den Gefahren „des so genannten Bürgerjournalismus“ warnte: Solche Bürgerreporter arbeiteten „ggf.“ ohne „hinreichende Kenntnisse“ etwa über Persönlichkeitsrechte oder ethische Standards journalistischer Arbeit. Eine dreiste Aussage wenn man überlegt wie vielen Profi- Journalisten diese „hinreichenden Kenntnisse“ auch fehlen. Und wie viele setzen sich trotzdem konsequent darüber hinweg? Der NDR berichtete, daß einige der „Bild“-Leser-Fotos vom Transrapid-Unglück aus einem Hubschrauber aufgenommen wurden, der trotz Überflugverbot aufgestiegen sei. Schlimm, wenn es so war. Aber wenn statt „Bild“-Leser-Reportern nun „Bild“-Profi-Reporter als erstes vor Ort gewesen wären: Hätten diese es besser gemacht? Der Leser ist immer näher dran, wenn es brennt. Und am nächsten dran überhaupt sind der Feuerwehrmann, der Polizist und der Rettungssanitäter. Mancher kann da schon die Gunst des Amtes nutzen und rasch ein Bild machen, das dann ein Freund verschickt. Die Grenze verläuft nicht zwischen professionellen Journalisten und Laien-Reportern. Sie verläuft zwischen Menschen, die ethischen Standards einhalten, und denen, die es nicht tun. Der Leser-Reporter wird nicht wieder verschwinden. Die Zeiten, in denen nicht-professionelle Augenzeugen bestenfalls als Zitatgeber dienten, sind ein für allemal vorbei. In welcher Form das die Medien verändert, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Die „Bild“-Zeitung, die eine zweistellige Zahl von Redakteuren allein dafür abgestellt hat, sich um die Leser-Fotos zu kümmern, probiert gerade die Möglichkeiten und Grenzen aus. Nicht alles, was nahe liegt, ist auch ein Schritt in die richtige Richtung. Quellenverzeichnis
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